Heliane Wiesauer-Reiterer
Von der Teilung zum Teilen
Das Werk von Heliane Wiesauer-Reiterer gliedert sich in einige Gruppen, deren wesentlichste die Landschaft, der fragmentierte Körper als Torso oder Kopf und die Teilung, als deren Ergebnis das Verhältnis der Teile zum Ganzen und zueinander beforscht wird.
Fragmentierung, Gliederung, Teilung und Reduktion auf den Kern erweisen sich als durchgängige Charakteristika, es geht um das wesenhafte Sein, das sich in der Konzentration auf den Kopf, sei er menschlich oder von einem Tier, auf den Punkt bringen lässt. Wiesauer-Reiterers Anliegen ist allerdings nicht die Erfassung eines konkreten Individuums sondern die unterschiedlichen emotionalen Zustände des Seins, zumeist in Moll gehalten. Viele der Häupter sind aus Krastaler Marmor, doch auch Holzköpfe und solche mit einem Brett vor Demselbigen sind zu sehen, eine Vernageltheit, die in existenzielle Nöte führen kann bis hin zum caput mortuum. Der Schädel wird hier zum pars pro toto, genauso wie bei der Gruppe der Torsi, in der wiederum ein Teil des Körpers, ein Rumpf, ein Arm oder ein Fuß für das Ganze der menschlichen Existenz steht.
Und auch bei der dritten Gruppe der Teilungen geht die Künstlerin den gleichen Weg. Ausgangspunkt ist immer die sinnlich wahrnehmbare Realität, etwa ein Interieur oder eine Landschaft, die soweit geteilt und reduziert wird, bis nur noch die Assoziation übrigbleibt, in der wiederum das Ganze des Ausgangspunkts enthalten, nun aber leichter in den individuellen Erfahrungsschatz der RezipientInnen integrierbar ist. Damit entsteht bildliche Kommunikation auf hohem Niveau, abgeleitet auch im Sinne von Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“.
Das Weltganze in sich tragen, es austragen in die Welt, das Ganze zur Teilung bringen und damit erfahrbar machen, greifbar machen, sich selbst als Teil des Ganzen in den Raum stellen, den Raum wieder gliedern und teilen, den Raum in die Fläche bringen oder aus der Materie herausbrechen. Diese Frau lebt im engeren Sinn des Wortes in ihrer Kunst und durch ihre Kunst. Wie für so viele ihrer KollegInnen ist der Schaffensprozess auch für sie eine Art der Weltaneignung und des Verständnisses für das „in der Welt Sein“. Dieser Weltbezug erweist sich der Philosophie der Romantik verbunden, die nach Werner Hofmann zum Ausgangspunkt der Moderne wurde.
Heliane Wiesauer-Reiterer ist zweifellos eine der bedeutenden KünstlerInnen ihrer Generation, die insistierende Eindringlichkeit ihres Werks ermöglicht uns Bilderfahrungen von seltenem Tiefgang.
Berthold Ecker (Auszug aus dem Katalogtext 2018)
Heliane Wiesauer-Reiterer
Metamorphosia Konstrukt und Natur
Berge werden zu steinernen Würfeln, Steinwürfel zu Landschaftsskulpturen, Meeresspiegel zu Farb-Schnittstellen, Horizonte zu Vertikalen, Quadrate zu Labyrinthen, Innenraumkuben zu psychischen Räumen, konzentrische Farbflecken zu tanzenden, fallenden, frei flottierenden Figurationen vor monochromatischen Bühnen, die zu Farbräumen werden …
Das Charakteristikum von Heliane Wiesauer-Reiterer liegt seit den 1970er Jahren in der Unerschöpflichkeit der Verwandlung ihrer grundlegend konstanten Themen und Stoffe in unterschiedliche künstlerische Medien von der Bildhauerei bis zur Fotografie. Im Zuge eines offenen Suchens und Findens, Vor- und Zurückgreifens, Experimentierens und Neuordnens findet sie stets zu neuen Möglichkeiten der Reduktion und Konzentration auf das ihr Wesentliche im Sinne eines verdichteten Weltgefühls.
Im Buch Metamorphosia gelangen in Form eines von Textbeiträgen international publizierender Autor*innen begleiteten Werkkatalogs erstmals alle wesentlichen Werkreihen, Themen, Techniken und Gestaltungsgenesen der Künstlerin zur Darstellung.
Lucas Gehrmann
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